Veränderungsprozesse haben chaotische Dynamik!

Diese Erkenntnis stammt aus der Psychotherapieforschung und bedeutet zunächst NICHT so etwas wie: „Wo Menschen sind, ist immer Chaos“.

Vielmehr bedeuten diese Forschungsergebnisse, dass menschliches Verhalten und das Verhalten von Gemeinschaften eine ganz bestimmte Charakteristik haben, die durch die Aussagen der Chaostheorie relativ präzise beschrieben werden kann und die in vielen anderen Systemen auftritt, wie etwa dem globalen Wettersystem.

Aus dieser Erkenntnis können nun einige wenige, aber ganz fundamentale Erkenntnisse über Personen und Gemeinschaften abgeleitet werden:

  • Menschliches Verhalten ist nur innerhalb eines sehr kleinen Rahmens vorherseh- und vorhersagbar.
  • Mit Gesundheit und guter Funktion eng verbunden sind eine hohe Variablität und Vielfalt des Verhaltens und der Ereignisse. Gesunde Personen und Gemeinschaften zeigen also eine große Vielfalt an Vorstellungen, Emotionen und Verhaltensweisen und einen vitalen situationsabhängigen Wechsel zwischen ihnen.
  • Die Möglichkeiten, Personen und Gemeinschften zu steuern und dadurch ihre Vorstellungen, Emotionen und Verhaltensweisen für die Zukunft zu beeinflussen oder gar festzulegen, sind äußerst begrenzt und auf einen sehr engen Rahmen angewiesen.
  • Die eingangs genannte „chaotische“ Charakteristik normalen und gesunden menschlichen Verhaltens weist Gesetzmäßigkeiten auf, welche in der Chaostheorie beschrieben sind. Diese liefert einen „metatheoretischen“ Rahmen menschlichen Verhaltens. Von diesem aus sind alle Vorgänge, auch Veränderungsvorgänge bei Personen und Gemeinschaften auf prinzipielle Weise verstehbar und auch gezielt beeinflussbar.
  • Die menschliche Intuition kann ein Instrument darstellen, die Komplexität des menschlichen Lebens in konstruktiver Weise und erfolgreich zu bewältigen.

Psychotherapieforschung – Quelle neuer Erkenntnisse

Die beschriebenen Grundlagen waren die Basis, auf welcher am Institut für Synergetik und Psychoherapieforschung der Pracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg (Leitung Univ.- Prof. DDr. Günter Schiepek) Veränderungsprozesse in der Psychotherapie grundlegend neu gestaltet wurden und werden.

Neben der Erfassung der persönlichen Ressourcen der Klienten/PatientInnen und einer individuellen („idiographischen“) Beschreibung ihres eigenen Lebenssystems (durch sie selbst) spielt ein Therapiemonitoring in Form der täglichen Erfassung der eigenen Befindlichkeit in einem webbasierten Tool („Synergetisches Navigationssystem, SNS“, siehe auch www.ccsys.de) eine zentrale Rolle. Die so entstehenden Zeitreihen sind Gegenstand gemeinsamer Reflexion zwischen Patient/in und Therapeut/in, sowie für die Reflexion des Fortgangs der Psychotherapie im Rahmen der kollegialen Teambesprechungen am Institut.

Zeitreihen als Rückgrat der Veränderung

Diese Zeitreihen werden im SNS mit den Methoden der Theorie komplexer dynamischer Systeme ausgewertet und enthalten wertvolle Information über den Fortgang der Therapie. Auf diese Weise werden neue Methoden entwickelt, mit welchen kurzfristige Voraussagen der weiteren Entwicklung sowie gezielte „Interventionen“ möglich werden könnten.

Verstehen und Erkenntnis durch Modellbildung

Die Kombination aus einer Vielzahl psychotherapeutischer Erkenntnisse über systemische Zusammenhänge und dem beschriebenen „metatheoretischen“ Rahmen führten zum Aufbau eines mathematischen Modells der Psychotherapie. Wir waren und sind dabei von der Hoffnung und Erwartung geleitet, dass einige sogenannte „common factors“ der Psychotherapie und psychologische Hypothesen zu Motivation, Emotionsregulation, und Informationsverarbeitung von Patienten/Klienten gemeinsam in einem nichtlinearen Modell menschlicher Veränderungsdynamik integriert werden können. Der Vergleich mit gemessenen Zeitreihen aus dem Psychotherapiemonitoring machen in weiterer Folge die Validierung des Modells möglich.

Spiel und Intuition

Wie auch immer ein solches Modell aussieht – seine Dyamik kann nicht in einem Rahmen „verstanden“ werden, den wir von sogenannten „linealen“ Mechanismen und Denkmodellen gewohnt sind, welche wir in einer „konventionellen“ Wissenschaft üblicherweise gebrauchen. Dort gehen wir davon aus, dass wir das Ganze dann verstehen können, wenn die Summe der Teile begriffen haben. Die Ursachen-Wirkungsbeziehungen bleiben einfach und übersichtlich (wir sagen „linear“ und „monkausal“).

Menschliches Verhalten hingegen lässt sich – so unsere Grundannahme – auf diese Weise weder verstehen noch beschreiben. Das komplexe und nichtlineare Verhalten kann aber – so unsere Annahme – spielerisch und intuitionsgeleitet „erfahren“ werden. Diese Überzeugung und eineVielzahl entsprechender Anfragen von Therapeuten aus Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen – haben uns bewogen, eine Miniaturausgabe unseres computerbasierten Simulationsmodells als psychotherapeutisches Simulationsspiel zur Verfügung zu stellen – wir nennen es PsySim – für die Kombination aus Simulation in der Psychotherapie.

Wir wünschen also viel Freude und Erkenntnis  beim Experimentieren mit PsySim – auch wenn das mit der Notwendigkeit verbunden sein dürfte, sich ein wenig tiefer in die angewendete Theorie nichtlinearer Systeme einzulesen.